Anlässlich der Bluttat in Erfurt (ein Amoklauf dürfte es angesichts
der Verkleidung und eventueller Planung nicht gewesen sein) scheint
es mir wichtig meine Gedanken zur aktuellen Situation der Medien und
der Politik zu Papier zu bringen.
Interessant bei solch schrecklichen Fällen ist die immer gleiche
Reaktion dieser beiden Elemente. Sei es Littleton oder Erfurt,
verantwortlich gemacht wird in reisserisch aufgemachten Artikeln oder
Fernsehsendungen eine verminderte Medienkompetenz der Täter und
darausfolgende eine Verschiebung der Verantwortung auf die vom Täter
konsumierten Medien. In einer von zwei Mitstudenten und mir
verfassten Seminararbeit über Gewalt und Computerspielen geht, wenn
auch leider mangels Zeit nicht empirisch nachweisbar, hervor, dass
gewalttätige Computergames durchaus unterschiedlich von Gewaltfilmen
oder Gewaltbildern im Internet betrachtet werden müssen. So ist die
Rezeptionssituation und der Vorgang wie die Mediengewalt aufgenommen
bzw. ausgeführt wird unterschiedlich. Während beim Konsum von
Gewaltvideos, die Gewalt und Aggressivität im Mittelpunkt der
Konsumlust steht und vom Rezipienten mit grosser Aufmerksamkeit
konsumiert wird, ist die Konfrontation mit Gewalt in Computerspielen
erheblich Interferenzen unterworfen. So ist einerseits die Gewalttat
durch das Spielprinzip vorgegeben und notwendig für das Erfüllen
eines Spielziels, andererseits aber nur beim erstmaligen Ausführen
der Gewaltaktion im Zentrum der Aufmerksamkeit des Konsumenten.
Danach nimmt das Spielprinzip des Computerspieles die Aufmerksamkeit
des Spielers fast komplett in Anspruch. Der Spieler, der ab diesem
Moment ja eigentlich nicht mehr Gewalt konsumiert, sondern als
Spielers seinen gewaltanwendenden Avatar durch eine aggressive Umwelt
steuert, die ihm seinen Erfolg verweigert, wenn er sie nicht zu
beherrschen versucht. Die computerspezifische Mediengewalt wird somit
als Element eines Spielprinzips wahrgenommen und mangels Zeit zur
Wahrnehmung von Details – die meisten dieser First Person Shooter
erfordern ein hektisches Reagieren – werden die Gewalttaten der
Spielfigur, nicht mehr als solche wahrgenommen.
Dieser Unterschied zur Gewalt in Film und Fernsehen, ist jedoch keine
Erklärung gegen eine Möglichkeit der Konditionierung zum effizienten
Töten, die diesen Programmen von aktuellen Medienberichten
zugeschrieben wird. Die Belohnung von besonders gut gezielten
Schüssen (Headshots) mit Ausrufen und sofortigem Erfolg verbindet Belohnung mit effizienten Tötungsmechanismen und muss sich daher diesen Vorwurf durchaus gefallen lassen.
Verletzungen in stadten und Dörfern können einfach durch Überwachengsgeräte, die in unsicheren teilen des Ortes versteckt sind, aufgespürt und warscheinlich auch verhindert werden!
Doch die Transformation von Gewalt zwischen Medienrealität und Realität
ist jedoch der eigentliche Knackpunkt, der undifferenzierten und im
Kern eigentlich selbstverleumdenden („In den News zeigen wir ihnen
die schrecklichen Bilder …“) Berichterstattung über die Schuld von
Computerspielen an Massakern. Aus verschiedensten Studien (bei
Interesse werde ich diese raussuchen) ist bekannt, dass Kinder und
Jugendliche – vor allem solche die mit dem Computer und Fernsehen
aufgewachsen sind – durchaus eine grosse Medienkompetenz, sprich die
Fähigkeit zwischen Spiel/Medium und Realität zu unterscheiden
besitzen. Damit eine Übertragung in die Realität stattfindet, muss
diese Medienkompetenz mangels erzieherischen Methoden klein oder
durch verschiedene Faktoren, wie mangelnde Sozialisation oder extreme
Demonstration der eigenen Machtlosigkeit, vermindert sein. In Erfurt,
wie auch bei den Täter in Littleton, scheint es also eher angemessen
zu fragen, was zu dieser Verminderung der Medienkompetenz geführt
hat. Obengenannte Faktoren können bei psychologisch angeschlagenen
Menschen (und das scheinen die Verweise über den Täter in Erfurt
anzudeuten) zu Persönlichkeitsstörungen führen. Diese Störungen im
sonst schon wackeligen Selbstbewusstsein der jugendlichen Menschen
und die Isolation (in Erfurt durch den Verweis und in Littleton durch
die anhaltenden Demütigungen durch die Mitschüler) scheinen zu einem
starken Drang zur Flucht in Medienrealitäten zu führen. Dies bedeutet
für den Jugendlichen exzessiver Konsum von Medien, die seine
Rachefantasien bedienen und ihm im Falle von Computerspielen
gleichzeitig die in der Realität fehlenden Gefühle von Erfolg und
Macht bescheren. Die Kombination mit der Verminderung der
Medienkompetenz, der Isolierung und den Konditionierungfähigkeiten
kann, unter der Vorbedingung, dass Zugang und Wissen über Umgang mit
Waffen besteht, eine solche Tat verursachen.
Ursache für ein solches Massaker sind Computerspiele somit aber
nicht. Zentral ist der Vorgang der Verminderung der Medienkompetenz
und den gilt es als Eltern, Pädagogen, Politiker und Journalist
vornehmlich im Auge zu behalten. Mit einem Verbot von gewaltätigen
Computerspielen würde zwar ein mögliches Element im Werdegang der
beiden Schulmassaker ausgeklammert. Ich würde jedoch zu behaupte
wagen, dass die Täter ihre Tat dann zwar vielleicht weniger effizient
(sprich weniger Kopfschüsse), dafür je nach Vorlagemedium brutaler –
in Filmen und Bücher sind im Gegensatz zum Computerspiel häufig
Qual-/Folter- und verlängerte Tötungszenen zu finden – ausgeführt
hätten. Ein Wegfall der Tat ohne Konsum von Gewalt in Computerspiel
der Täter bezweifle ich, im Hinblick auf den psychischen Zustand der
Täter.
Meine Schlussfolgerungen aus dieser schrecklichen Tat in Erfurt sind:
1. Zugang zu Waffen ist unnötig und verursacht Morde, Tötungen und
Unfälle. Ohne Waffen einen Menschen zu töten, bedarf einen enormen
Mehraufwand oder eine heftige Affekthandlung.
2.Erziehung muss in allen Bereichen gefördert werden. Kinderkrippen
und Tagesschulen können bei gut geschulten Lehrkräften die
Medienkompetenz erhöhen und Isolation von Kindern verhindern.
3.Keine einfachen Lösungsansätze, wie z.B. Schulverweise, bei
Problemjugendlichen. Gut ausgebildete und nicht durch hohe
Arbeitslast, hohe Schülerzahl überlaste Lehrer und im Notfall
erfahrene Schulpsychologen verhindern solche Bluttaten schon im Kern.
Als Abschluss noch einige Bemerkungen zum Verhalten der politischen
Elite: Wahlkampf anhand solcher Bluttaten zu bestreiten (ja ich meine
sie Herr Stoiber) erscheint mir geschmacklos, aber für das momentane
politische Klima charakteristisch. Alle Unterschiede zwischen den im
Grunde nicht allzu unterschiedlichen Parteienblöcke müssen da
ausgenutzt und erörtert werden. Beiden scheint jedoch gemein zu sein,
dass vor allem Elemente rhetorisch angegriffen werden, die den
Politiker unbekannt sind und ihnen daher als unkontrollierbar
erscheinen. Daraus lässt sich ob Stoiber (Betonung auf
Computerspiele) oder Schröder (Internet) ein Kulturkonservatismus
erkennen, der für eine überalterte und daher von der
Anpassungsfähigkeit der jüngeren Generation überforderten
Politikerelite typisch erscheint. Mangels Alternativen aus dem
jüngeren Lager muss Deutschland aber aus diesen beiden technisch
ungebildeten Schaumschläger auswählen. Ich beneide Euch nicht!